Die Arbeiten von Sina Firniss bewegen sich in einem Raum, in dem nichts endgültig ist – ein Raum des Übergangs, der Offenheit, der Fragilität. Zeichnung als Spur, als Geste, als Element der Verlagerung. Ihre Werke erzählen nicht von dem, was war oder ist, sondern von dem, was sich andeutet – von dem, was geschehen könnte.
Zentrales Element ist dabei die Linie: Sie ist Geste, Spur und Denkbewegung zugleich. In ihrer einfachsten Form trägt sie bereits die Idee von Richtung, von Entscheidung, von Zeit in sich.
Ihre Zeichnungen entstehen mit wässriger Tusche und Aquarell auf Papier – einem Medium, das selbst von Durchlässigkeit, Versickern und Zeit erzählt. Die Tusche verteilt sich ungleich, zieht sich zurück, bleibt manchmal als Schatten sichtbar. Linien überlagern sich, verlieren sich, geraten aus dem Takt. Zwischenräume, in denen Fragilität zur Form wird.
Was Sina Firniss interessiert, ist das, was sich andeutet: das Unausgesprochene zwischen zwei Linien, der Raum zwischen zwei Formen, das „Noch nicht“ einer möglichen Berührung. Es geht um Nähe ohne Kontakt, um Spannung ohne Auflösung. Bewegung wird dabei nicht als Aktion verstanden, sondern als Zustand – als etwas Inneres, Leises, das sich in der Struktur selbst verbirgt.
Diese Arbeiten widerstehen der Versuchung des Spektakulären. Sie sind reduziert, zurückgenommen – und gerade darin liegt ihre Intensität. Die Reduktion ist Konzentration. Sie verlangt Aufmerksamkeit, fordert zum genauen Hinsehen auf. Eine poetische Untersuchung: von Gleichgewicht, von Übergängen, von Zeit.
Sina Firniss schafft Zeichnungen, die sich jeder Eindeutigkeit entziehen. Eine Haltung der Offenheit, des tastenden Denkens, des präzisen Loslassens. In ihren Linien liegt eine Stille, die spricht – nicht laut, aber eindringlich. Ein Bildraum, in dem die Stille eine Sprache findet.
„hingegen – Über das Vage der Begegnung und die Melancholie des Abstands“
Ausstellung von Sina Firniss im Kunstverein Bretten am 26. Juli 2026
Ansprache zur Begrüßung von Thomas Lindemann
Unsere erste Begegnung war vage, und sie liegt inzwischen 33 Jahre zurück. Um ein oder zwei kleine Postkarten zu gestalten und diese drucken zu lassen, besuchte mich der Künstler Johannes Gervé im damaligen Verlag in der Amalienstraße in Karlsruhe. Wir haben uns angefreundet. Ohne ihn hätte ich Istanbul, São Vicente und Lissabon nicht kennengelernt. Und vor allem wohl auch seine Gefährtin nicht: die Künstlerin Sina Firniss.
Was überaus schade wäre! Denn dann gäbe es diese kleine, feine Ausstellung, diese Begegnung nicht, zu der ich Sie und euch alle nun sehr herzlich begrüßen darf. Ich werde nur ein bisschen Ihrer und eurer Zeit und der Zeit für die anschließende Begegnung stehlen.
Ich möchte kurz – ich weiß, ver mutlich unerwartet – über Fundamente unseres Menschseins sprechen. Punktuell sozusagen, sechs Punkte:
1. sich der Zeitlichkeit bewusst sein;
2. die Suche nach Sinn;
3. die Fähigkeit zu Abstraktion und Kreation;
4. das Erleben von Kontrasten, die Dualität;
und 5. die sogenannte Introspektion – das Selbst-Bewusstsein, die Selbstreflexion.
Die Begegnung, das ist der 6. Punkt, ist der Raum, in dem all diese anderen Kerne unseres Menschseins überhaupt erst sichtbar und spürbar werden. Der österreichisch-israelische Philosoph Martin Bu ber drückt das so aus: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Wir entwickeln uns, lernen und spüren uns selbst erst im Spiegel des anderen. Jede Begegnung hinterlässt Spuren, verändert unseren Blickwinkel oder gibt uns Richtung.
Es sind die Schwellenmomente solcher Begegnungen, die uns prägen. Der Moment kurz vor dem ersten Kuss. Die Millisekunde vor der ersten, noch zögerlichen Berührung. In diesen Augenblicken liegt eine außergewöhnliche, fast greifbare Spannung. Es ist der Raum dazwischen – die Luft zwischen zwei Lippen, der Millimeter zwischen zwei Händen, in dem sich das alles zu verdichten scheint. In diesem Zwischenraum wird spürbar, dass weniger so viel mehr sein kann. Nicht das Laute, Überladene erfüllt uns oftmals, sondern das Reduzierte, die Andeutung.
Es ist die Flüchtigkeit des Augenblicks, die im nächsten Moment zu verfliegen droht. Und wir? Wir spüren in solchen Momenten das tiefe Bedürfnis nach Halt, nach Ruhe, nach der Setzung von Lebenspunkten. Man kann diesen flüchtigen Zauber einfrieren, ihm einen grafischen Anker geben, ihn fixieren, damit er bleibt.
Genau das ist es, was dieses wunderbare Wort „hingegen“ tut, das dieser Ausstellung ihren Namen gibt. Es beschreibt eine Bewegung: ein „Hin“ in den Raum und ein „Gegen“ im Sinne eines Gegenübers. Es ist kein hartes „Nein“, kein trennendes „Aber“. Hingegen ist das sprachliche Scharnier zwischen zwei Welten. Es schaut auf das Eine – auf die Flüchtigkeit – und lenkt unseren Blick hingegen sanft auf das Andere: auf den Halt. Es verbindet Gegensätze, wiegt sie sanft aus.
Schauen wir, in aller Offenheit, auf das, was uns heute hier zusammenbringt: keine eindeutigen Aussagen, Zwischenräume, fragile Zeichnungen, Punkte reduziert gesetzt, feine Verschiebungen. Sind da Sternbilder zu sehen? Zellstrukturen vielleicht? Partituren der Begegnung namens Polyphonie, Schnittmenge, Versatz, Manchmal, Element und Partikel – minimal, liminal.
„Liminal Spaces“ bezeichnen leere Orte, etwa verlassene Flure, nächtliche Supermärkte oder leere Parkplätze, die vertraut wirken, aber durch die Abwesenheit von Leben Unbehagen auslösen können. Genau das tun die Arbeiten von Sina Firniss nicht. Eher im Gegenteil: Sie strahlen Ruhe und Wohlbehagen aus. Ganz Verwegene könnten nun sagen: „Ja, klar, Ruhe. Das haben zwei Punkte, zwei solitäre Partikel auf einer grauen, monochromen Fläche von Natur aus halt so an sich.“
Nicht nur deshalb gibt es als Kontrapunkte die erst jüngst entstan denen, polyphonen Werke von Sina Firniss. Sie erzählt selbst über den Entstehungsprozess: „Ich habe ein schönes Stück von Bach gehört und unbedarft angefangen, ein paar Punkte zu setzen – aber mit jedem Punkt wurde ich langsamer und langsamer.“ Als sie das sagte, dachte ich: Kann ich mir bei den barocken Bach Fugen, bei denen die Stimmen wild durcheinanderjagen, gar nicht vorstellen!
Sina weiter: „Doch, ich bin fast durchgedreht, weil ich den Blick nicht mehr fokussieren konnte, hin- und hergesprungen bin zwischen den einzelnen Punkten – und Noten vermutlich – und kaum eine Möglichkeit gesehen habe, den nächsten zu setzen. Jede halbe Stunde vielleicht mal ein einzelner, neuer Punkt. Ich dachte, ich werd’ in drei Jahren noch nicht fertig sein.“ Was für diese Ausstellung von Nachteil gewesen wäre. Sinas Arbeitstitel für diese Phase: „Soziale Überforderung“. „Irgendwann hab’ ich festgestellt, dass die Musik schuld ist, und hab sie ausgemacht.“ Und sie schlussfolgert: „Polyphonie ist kein Pappenstiel!“ – Wenn ich anmerken darf: Monophonie auch nicht. Und ich stelle mir vor, dass sie bei den Partikel-Arbeiten Schuberts Kunst liedern lauschte.
Die 1982 in Heilbronn geborene Künstlerin legte den Grundstein für ihre reduzierte Formensprache bereits während ihres Studiums der Freien Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie arbeitet viel mit Kohle, verreibt Kohlestaub zwischen den Fingern, bringt Tusche und Aquarellfarben auf Papier, formt Flächen, die sie von hinten mit dem Braille-Stift durch bricht, einem Stichel, einem kleinen Handwerkzeug, mit dem die Brailleschrift mit einer abgerundeten Spitze für blinde oder sehbehinderte Menschen in Papier gedrückt, nach außen gestanzt und damit fühlbar wird. Dabei bricht der Farbauftrag an dieser Stelle in Sinas Arbeiten. Was wie ein Partikel aussieht, ist kein Partikel des Ganzen mehr. Es ist die Lücke, die es hinterlässt. Und manchmal – so der Name dreier hier ausgestellter Werke – entsteht durch die Lücken etwas Neues, ein Wort: Manchmal.
Sina lebt und arbeitet in Karlsruhe. Dort hält sie in ihrem Atelier das Flüchtige, den kurzen Moment in ihren Bildern fest – an die sie sich übrigens nicht festklammerte. Sie stehen hier zum Verkauf.
Nun: Eine Punktlandung ist diese Ausstellung schon allemal. 269 Punkte hat Sina allein in einem ihrer hier ausgestellten Werke gezählt. Es werden weit über 500 oder 600 sein, die im Raum verteilt sind. Mögen sich weiter dazugesellen. Vorzugsweise rote, die „verkauft“ signalisieren. Bringt sie bitte unterhalb der Rahmen, die im Preis inkludiert sind, an, nicht als Ergänzung auf den Werken.
Während ein anschließendes Abendmahl zu viert mit, sagen wir, drei Gängen, einer guten Flasche Wein, einem Apéro vielleicht und einer Crème brûlée sehr rasch verbrennt und sich alsbald verflüchtigt ... ist die Investition in eine echte Firniss zu ähnlichen Konditionen von bleibendem Wert und dauerhaftem Vergnügen. Gut und schön.
Das ist auch der Name „Sina“. Im Hebräischen bedeutet er „der Dornbusch“ – ein Bild für das Widerständige, das sich im Raum behauptet. Im Arabischen hingegen steht er für „die Schöne“, „die Glänzende“.
Und dann: Firnis. Ein Wort, das wir aus der Malerei kennen. Der schützende, glänzende Überzug, der ein fertiges Ölbild versiegelt und konserviert. Wer hingegen heute den Blick über diese zarten Papierarbeiten schweifen lässt, sucht diesen schweren, trennenden Firnis vergeblich. Hier liegt alles offen. Ungeschützt. Pur. Die Arbeiten werden zu einer solchen ersten Berührung. Zu einem Raum der Begegnung zwischen Linie, Papier und Ihrem, eurem ganz eigenen Blick darauf.
Womit ich an den Anfang zurückkehre: Dass wir dieser Kunst heute begegnen können, hat seinen Ursprung in der zufälligen Begegnung mit einem heutigen Freund. Die spätere Begegnung mit Sinas Kunst aber war, um es philosophisch auszu drücken, die notwendige Bedingung für diesen heutigen Abend, die conditio sine qua non. Wörtlich: die Bedingung, ohne die nicht.
Es muss daher wohl treffender heißen: conditio – Sina – qua non
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